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52. Ministerratssitzung am Mittwoch, den 5.11.19471

Anwesend:
  • Ministerpräsident Altmeier
  • Minister Bökenkrüger
  • Minister Feller
  • Minister Dr. Hoffmann
  • Minister Junglas
  • Minister Dr. Neumayer
  • Minister Steffan
  • Minister Stübinger
  • Minister Dr. Süsterhenn
  • Chef der Staatskanzlei Dr. Haberer
  • Oberregierungspräsident Bögler
Tagesordnung 2
  • 1. Kartoffelversorgung
  • 2. Fragen der Pfalz

1Ausfertigung in Best. 860 Nr. 9604 und (korr.) in Best. 700,169 Nr. 136, S. 291-205; Durchschlag (korr.) in Best. 860 Nr. 8187. Anlagen: 1. Schreiben des Finanzministers vom 31.10.1947 an den Chef der Staatskanzlei, die Minister, den Präsidenten des Rechnungshofes und den LT-Präsidenten betr. Beratung der Haushaltsvoranschläge für das Rechnungsjahr 1947 (Best. 860 Nr. 9604).
2So laut Eingang des Protokolls.

1. Kartoffelversorgung 3

Zur Kartoffelversorgung sei neu, daß die Militärregierung gefordert habe, mit der Ausgabe des zweiten Zentners sofort zu beginnen. Er  Ministerpräsident  sei allerdings der Meinung, daß der zweite Zentner nicht eher aufgerufen werden könne, bis

    a) der erste Zentner gleichmäßig überall verteilt sei, 4

    b) aufgrund der eingeleiteten Erhebungen nachgewiesen sei, was an Kartoffeln noch da ist,

    c) die aus Württemberg zu liefernden 10.000 t noch nicht eingetroffen seien. 5

Dieser Auffassung schließt sich der Ministerrat voll an. Es wird beschlossen, in diesem Sinne der Militärregierung zu antworten bzw. in einer noch nachzusuchenden Unterredung mit dem Generalgouverneur diese Gründe vorzutragen. 6

Minister Stübinger weist auf die außerordentlich schlechte Versorgung in der Pfalz hin. Demgegenüber gibt der Oberpräsident Bögler – der zur Ministerratssitzung, insbesondere wegen der Frage der Pfalz hinzugezogen worden ist – bekannt, daß in einzelnen Kreisen doch mehr verteilt worden sei, als bisher gemeldet wurde. 7

Der Ministerpräsident kommt in Anschluß daran auf den Artikel „Die politische Frage” in der „Rhein-Zeitung“ vom 5.11.47 zu sprechen. 8 Man versuche, einen Keil zwischen deutsche Regierung und Militärregierung zu treiben, um der deutschen Regierung die Schuld für ein Versagen zuzuschieben. 9

Er habe die Absicht, in seiner morgigen Erklärung gerade auf diesen Punkt einzugehen. 10

Zur Frage der Schwierigkeiten in der Waggongestellung gibt der Ministerpräsident bekannt, daß Ministerialdirektor Calujek berichtet habe, die Eisenbahndirektion in Mainz habe ihm mitgeteilt, sämtliche Waggons, die angefordert gewesen seien, wären auch gestellt worden. 11 Minister Stübinger erklärt, im Augenblick habe er zwar keine Klagen zu führen, doch sei während der Manöver kein einziger Waggon gestellt worden und aus diesem Grunde sei mit der Verladung der Kartoffeln zu spät begonnen worden. Inwieweit die Forderungen auf den einzelnen Stationen geklappt hätten, könnte Mainz zudem auch nicht wissen.

3Zuletzt 51. MRS am 30.10.1947, TOP 1. Siehe zur Thematik auch den Bericht über die Sitzung des Zentralausschusses für Ernährung der Länder der französischen Zone Baden Baden in Freiburg am 31.10.1947 (Best. 940 Nr. 95, S. 527-535).
4Vgl. in diesem Zusammenhang die Auseinandersetzung um die Vorgehensweise von LR Roth (51. MRS am 30.10.1947, TOP 2).
5Vgl. dazu die Unterredungen des MinPräs mit dem GenGouv am 7.11.1947 (Best. 860 Nr. 9586, Bl. 119 f.) und am 21.11.1947 (ebd., Bl. 115; Brommer, Quellen, S. 543-546, hier: S. 544) sowie die Erklärung des MinPräs vor dem LT am 6.11.1947 (LT RLP, 1. WP, Drucks. Abt. I, S. 189). – Fortgang 62. MRS am 05.02.1948, TOP C.
6Das Problem war am 7.11.1947 Gegenstand einer Unterredung zwischen dem MinPräs und dem GenGouv, an der auch der Landwirtschaftsminister und der Justizminister teilnahmen (Best. 860 Nr. 9586, Bl. 119-121). – Fortgang 53. MRS am 12.11.1947, TOP A.
7Die Ernährungslage der Pfalz verschlechterte sich im späten Winter 1947/1948. Vgl. die Kleinen Anfragen der SPD-Abgeordneten Fickeisen (LT RLP, 1. WP, Drucks. Abt. II, Nr. 286) und Volkemer (ebd. Nr. 299) vom 25.2.1948 und die Antworten des Ministers für Ernährung und Landwirtschaft vom 22.3.1948 bzw. 24.3.1948 (ebd. Drucks. Abt. III, Nr. 72 und Nr. 78). Vgl. allgemein 68. MRS am 19.3.1948, TOP 1.
8Der Artikel beanstandete die unzureichende Kartoffenversorgung. So seien 60% der Bevölkerung noch nicht mit dem in Aussicht gestellten ersten Zentner für die Einkellerung berücksichtigt worden, obwohl die Winterkälte vor der Tür stehe und die Vorräte erschöpft seien (RZ vom 5.1.1947, S. 1: „Randnoten“).
9In dem Artikel heißt es dementsprechend, die Militärregierung habe festgestellt, „daß trotz des Dürresommers genügend Kartoffeln geerntet seien, um jedem Landesbewohner zwei und mindestens in den Städten und Arbeiterorten sogar drei Zentner Einkellerungskartoffeln zu verteilen.” (wie vorige Anm.).
10LT-Sitzung am 6.11.1947 (LT RLP, 1.WP, Drucks. Abt. I, S. 188-190).
11Vgl. 50. MRS am 28.10.1947, TOP A, Beschluss Nr. 6.

Es wird dem Landwirtschaftsministerium aufgegeben zu klären:

    a) bis zu welchem Tag überhaupt keine Waggons gestellt wurden,

    b) wie viel % Waggons in den einzelnen Kreisen gestellt wurden,

    c) welche Verzögerungen in der Gesamtverladung nach Ansicht des Landwirtschaftsministeriums durch die Nichtgestellung oder durch verspätete Gestellung entstanden sind. 12

12Fortgang 53. MRS am 12.11.1947, TOP A.

2. Fragen der Pfalz 13

Anschließend wurde die Frage der Selbstverwaltung der Pfalz besprochen. Der Ministerpräsident berichtet, daß der Generalgouverneur die Ansicht vertrete, daß die Geschäftsordnung vom 14.1.47 ihre Gültigkeit behalten müsse, bis das in der Verfassung in Aussicht gestellte Selbstverwaltungsgesetz geschaffen sei. 14 In diesem Zusammenhang erklärt der Oberregierungspräsident Bögler auf die Frage des Ministerpräsidenten, daß er sich als Regierungspräsident betrachte, die gleichen Rechte beanspruche wie die übrigen Regierungspräsidenten auch und daß infolge dessen seinerseits keine Forderung aus der damaligen Geschäftsordnung vom 14.1.1947 abgeleitet würde. 15

Der Ministerpräsident ersucht den Oberregierungspräsidenten Bögler über separatistische oder autonomistische Bestrebungen, die bereits angedeutet worden seien, zu berichten. 16 Der Oberregierungspräsident gibt einen eingehenden Bericht über die Lage und weist darauf hin, daß die Bestrebungen von einzelnen Personen ausgingen und daß es sich um verschiedene Gruppen, Persönlichkeiten, Zeitschriften etc. handelt, die teils eine völlige Autonomie für die Pfalz unter Loslö-sung aus dem Lande Rheinland-Pfalz, teils eine Groß-Pfalz propagierten. Es handele sich um viele Einzelfälle, die zusammengefaßt doch eine klare Linie erkennen lassen. 17

13Zuletzt 51. MRS am 30.10.1947, TOP 4.
14Vgl. § 78 der LV sowie das Protokoll der Besprechung mit der Militärregierung am 24.10.1947 (Best. 860 Nr. 9586, Bl. 123 f.). Zu den Arbeiten am Selbstverwaltungsgesetz vgl. 55. MRS am 2.12.1947, TOP F.
15Vgl. in diesem Zusammenhang Schreiben von Gouverneur Brozen-Favereau an ORPräs Bögler vom 28.10.1947 in LASp Best. V 52 Nr. 667. – Fortgang 55. MRS am 2.12.1947, TOP F.
16Schreiben des MinPräs vom 13.11.1947 („Durch Eilboten – Vertraulich – Persönlich“) an den ORPräs (Best. 860 Nr. 1003, S. 281). Vgl. 51. MRS am 30.10.1947, TOP 4, sowie den ausführlichen Bericht Böglers an Gouverneur Brozen-Favereau vom 11.11.1947 über separatistische Aktivitäten in der Pfalz (Brommer, Quellen, S. 536-542), die gemeinsame Erklärung der im LT vertretenen Parteien gegen den Separatismus vom 6.11.1947 (ebd., S. 528 f.) sowie die Niederschrift der Besprechung des MinPräs mit dem GenGouv am 2.11.1947 (Best. 860 Nr. 9586, Bl. 116 f.; Brommer, Quellen, S. 543-546, hier: S. 545).
17Fortgang 53. MRS am 12.11.1947, TOP G.