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76. Ministerratssitzung am Dienstag, den 8.6.19481

Anwesend:
  • Ministerpräsident Altmeier
  • Minister Bökenkrüger
  • Minister Dr. Hoffmann
  • Minister Junglas
  • Minister Steffan
  • Minister Stübinger
  • Minister Dr. Süsterhenn
  • Chef der Staatskanzlei Dr. Haberer
Tagesordnung 2:
  • 1. Beamtengesetz (endgültige Beschlußfassung)
  • 2. Gesetz zur Änderung der Landesverordnung zur politischen Säuberung
  • 3. Eisenbahnverkehrsrat
  • 4. Marshallplan
  • 5. Reisemarken
  • 6. Errichtung einer Kreditbank
  • 7. Ministerpräsidentenkonferenz in Düsseldorf – Thema Kohlenförderung
  • 8. Fleischauflage
  • 9. Streik in Ludwigshafen

1Ausfertigung (korr.) in Best. 860 Nr. 9606 und in Best. 700,169 Nr. 138, S. 287-293; Durchschlag (korr.) in Best. 860 Nr. 8188). Anlagen: 1. Schreiben des MinPräs vom 8.6.1948 an den GenGouv betr. Eintreibung von Viehbeständen entgegen den Zusagen der Militärregierung; 2. TO; 3. Zweites Gesetz zur Änderung der Säuberungsverordnung (Best. 860 Nr. 9606; in Best. 700,169 Nr. 138, S. 295-299: nur Nr. 1 und Nr. 2; in Best. 860 Nr. 8188: nur Nr. 1).
2Die ursprüngliche TO (siehe obenAnm. 1, Anlage Nr. 2) sah nur TOP 1 und 2 vor.

1. Beamtengesetz (endgültige Beschlußfassung) 3

Der Punkt wurde von der Tagesordnung abgesetzt. 4

2. Gesetz zur Änderung der Landesverordnung zur politischen Säuberung

Dem Entwurf eines 2. Landesgesetzes zur Änderung der Säuberungsverordnung, welchen der Minister der Justiz mit Schreiben Nr. 1050 – 36/48 vom 25.5.1948 vorgelegt hat 5, nachdem vorher Verhandlungen mit dem Landeskommissar für die politische Säuberung voraufgegangen waren, stimmte der Ministerrat einstimmig zu. Der Gesetzentwurf ist dem Landtag sofort zuzuleiten. 6

3Zuletzt 75. MRS am 3.6.1948, TOP 1.
4Fortgang 80. MRS am 22.6.1948, TOP 7.
5Siehe oben Anm. 1, Anlage Nr. 3; vgl. Best. 860 Nr. 966, S. 267-273.
6Das Gesetz wurde vom LT am 17.6.1948 angenommen (LT RLP, 1. WP, Drucks. Abt. I, S. 732 f.). Es bezweckte eine Verbesserung der rechtlichen Möglichkeiten der Betroffenen; außerdem sollte der MinPräs das Recht erhalten, auf Vorschlag des Landeskommissars Sanktionen durch einen Gnadenakt abzumildern. Das Änderungsgesetz trat jedoch nie in Kraft, da die Militärregierung ihm die Genehmigung versagte (vgl. Möhler, Entnazifizierung, S. 337-339). Vgl. die Debatte im LT am 22.1.1948 zum Stand der Entnazifizierung (ebd., S. 453-457 und S. 464-466). – Fortgang 82. MRS am 28.6.1948, TOP 5.

3. Eisenbahnverkehrsrat 7

Der Präsident des Eisenbahnverkehrsrates Harter ist erkrankt. Satzungsgemäß wird er jeweils durch ein Mitglied des Verkehrsrates vertreten. Die Vertretung geht innerhalb der drei Länder der franzö-sisch besetzten Zone um. Für die Zeit vom 1.7. bis 30.9.1948 stellt das Land Rheinland-Pfalz den Vertreter. In Frage kommen Staatssekretär Dr. Steinlein oder Ministerialdirektor Calujek.

Es wird beschlossen, Staatssekretär Dr. Steinlein die Entscheidung zu überlassen. 8

4. Marshallplan 9

Dr. Winschuh 10– von Minister Hoffmann befragt – hat sich im Sinne des Beschlusses Nr. 5 aus der Sitzung des Ministerrats vom 3.6.1948 damit einverstanden erklärt, zusammen mit Dr. Albrecht, Baden-Baden, die Koordinierung der Länderstatistiken etc. zu übernehmen, unter der Voraussetzung, daß die Zustimmung der Gewerkschaften sowie der Arbeitsgemeinschaft der Industrie- und Handelskammern erteilt wird. 11

5. Reisemarken 12

Auf die bisherige Pauschalzuteilung von Reisemarken, die als Ausgleich für die Bedürfnisse auf Dienstreisen erfolgt war, verzichten die Minister zukünftig, nachdem die Reisemarkenzuteilung durch den Landtag einen – wenigstens teilweisen – Ausgleich – hierfür ermöglicht. Soweit für das Reisen etc. weitergehende Notwendigkeiten bestehen, werden die Minister von Fall zu Fall entsprechende Anweisungen beim Landwirtschaftsministerium erheben.

7Zuletzt 74. MRS am 25.5.1948, TOP E.
8Fortgang 90. MRS am 18.8.1948, TOP G.
9Zuletzt 75. MRS am 3.6.1948, TOP 5.
10Vorlage: „Windschuh“.
11Zur Tätigkeit von Albrecht vgl. 75. MRS am 3.6.1948, TOP 5. – Fortgang 77. MRS am 11.6.1948, TOP 7.
12Zuletzt 69. MRS am 2.4.1948, TOP A.

6. Errichtung einer Kreditbank

Finanzminister Dr. Hoffmann berichtete eingangs der Sitzung von der Notwendigkeit der Errichtung einer Kreditbank, die für die gesamte Zone in Speyer vorgesehen sei, während für jedes Land eine Filiale zur Errichtung gelangen soll. Zweck und Aufgabe dieser Bank ist die Gewährung von Krediten, um den Bedarf nach der Währungsreform sofort zu decken.

Der Ministerrat stimmt der Errichtung des Institutes zu. Er geht dabei von den Voraussetzungen aus, daß das Institut den allgemeinen Vorschriften der Bankenaufsicht unterliegt und daß sein Geschäftsgebaren lediglich durch die Interessen der einheimischen Wirtschaft diktiert wird.

7. Ministerpräsidentenkonferenz in Düsseldorf – Thema Kohlenförderung 13

Der Ministerpräsident, welcher die Konferenz in Begleitung des Staatssekretärs im Wirtschaftsministerium Dr. Steinlein und des Staatssekretärs im Wiederaufbauministerium, Otto Schmidt, wahrgenommen hat, berichtet über deren Verlauf und übergibt den einzelnen Ministern einen Bericht. 14

8. Fleischauflage 15

Der Landwirtschaftsminister berichtet, daß laut soeben eingegangener telefonischer Mitteilung die Streichung von 2/3 der restlichen Viehauflage, die infolgedessen von 498 t auf 166 t herabgesetzt worden war, von der französischen Militärregierung bestritten würde und daß die Kreisdelegierten von Mayen und Birkenfeld darüber hinausgehende Anforderungen gestellt hätten. 16

Der Ministerrat beschließt, sofort durch Minister Steffan ein Protestschreiben an den Gouverneur gelangen zu lassen. (Anlage Nr. 1). 17

13Vgl. Anm. 1 zur 75. MRS am 3.6.1948, TOP 7.f).
14Best. 860 Nr. 1263, S. 17-33; vgl. Nr. 9715.
15Zuletzt 75. MRS am 3.6.1948, TOP 7.f).
16Noch am 2.6.1948 hatte Kabinettsdirektor Julitte in einer Besprechung mit dem MinPräs eine „weitere, wesentliche Herabsetzung der Viehauflage, vielleicht sogar eine völlige Streichung“ ab 1.7.1948 „in Aussicht“ gestellt (Best. 860 Nr. 9586, Bl. 65).
17Siehe oben Anm. 1, Anlage Nr. 1 (desgl. in Nr. 1009, S. 317). Unter Hinweis auf den Streik in Ludwigshafen (vgl. TOP 9 dieser Sitzung) bat der MinPräs eindringlich den GenGouv darum, „unverzüglich dafür zu sorgen, daß sowohl von der Betreibung der Rückstände – wie zugesagt – Abstand genommen” werde, als auch die Überschreitung der durch das Landwirtschaftsministerium festgesetzten Fleischauflage durch die Kreisdelegierten unterbleibe. Falls die reklamierten Maßnahmen den Streikenden in Ludwigshafen bekannt würden, könne das Kabinett „für das Ausmaß und die Entwicklung der Streikbewegung keinerlei Verantwortung mehr übernehmen.” – Fortgang betr. Ernährung allgemein 77. MRS am 11.6.1948, TOP 12. Fortgang betr. Fleischversorgung ebd., TOP 13.

9. Streik in Ludwigshafen

Der in Ludwigshafen am 7.6.1948 ausgebrochene Streik war Gegenstand längerer Verhandlungen. 18 Die bisherigen Feststellungen haben ergeben, daß der Streik ausgebrochen ist mit dem Ziele, eine Verbesserung der Ernährungslage durchzusetzen. Um die Verhältnisse eingehend zu prüfen, wurden die Minister Steffan, Stübinger, Bökenkrüger und Junglas beauftragt, sich im Laufe des heutigen Tages nach Ludwigshafen zu begeben, um an Ort und Stelle mit den maßgebenden Stellen zu verhandeln.

Der Ministerpräsident berichtet bei dieser Gelegenheit über die Unterredung, die er am gestrigen Abend mit Kabinettsdirektor Julitte 19 in der Streikangelegenheit geführt hat. 20 Er bedauerte, daß die in Frage kommenden Stellen die Landesregierung nicht rechtzeitig und ausreichend informiert haben, so daß er eine viel bessere Unterrichtung auf Seiten der Militärregierung feststellte. 21

18Zuletzt 74. MRS am 25.5.1948, TOP A. Vgl. Schreiben des MinPräs vom 8.6.1948 an den GenGouv (siehe oben Anm. 1, Anlage Nr. 1), ferner das Protokoll der Besprechung des MinPräs mit Kabinettsdirektor Julitte am 7.6.1948 (Best. 860 Nr. 9586, Bl. 61-64, hier: Bl. 61 f.; vgl. Brommer, Quellen, S. 615-617).
19Vorlage: „Juliette“.
20Die Besprechung fand laut Überschrift der Aktennotiz in Julittes Wohnung in Rhens statt (Best. 860 Nr. 9586, Bl. 61).
21In der LT-Sitzung am 16.6.1948 gaben die Minister Bökenkrüger und Stübinger Erklä-rungen zu den Streiks in Ludwigshafen ab (LT RLP, 1. WP, Drucks. Abt. I, S. 680-684).