© LAV

30. Ministerratssitzung am Mittwoch, den 11.6.19471

Anwesend:
  • Ministerpräsident Dr. Boden
  • Minister Feller
  • Minister Dr. Haberer
  • Minister Junglas
  • Minister Dr. Lotz
  • Minister Röhle
  • Minister Steffan
  • Minister Stübinger
  • Minister Dr. Süsterhenn
Tagesordnung
  • A. Ernährungslage
    • 1 Bericht über die Münchener Tagung der Ministerpräsidenten
  • B. Flüchtlingsproblem
    • 2 Bericht über die Rückgliederung der Gemeinden aus dem Kreise Saarburg etc.
    • 3 Beschlußfassung über die endgültige Wortfassung der Landesverordnung zum Schutz der Volksernährung
    • 4 Übernahme von Ausfallbürgschaften durch das Land Rheinland-Pfalz bei Holzlieferungen
    • 5 Personalie
    • 6 Ferngespräche der Minister

A. Ernährungslage

Ministerpräsident Dr. Boden eröffnete die Sitzung, indem er drei Telegramme aus dem Ludwigshafener Gebiet verlas, die sämtlich die außerordentlich schwierige Ernährungslage zum Inhalt hatten 2. Minister Stübinger erklärte, daß alles zur Sicherstellung der Ernährung getan würde. Es dürfe aber nicht übersehen werden, daß wir im Vergleich mit der englischen und amerikanischen Zone hier noch die besseren Rationssätze hätten 3. Er sei aber erstaunt darüber, daß die rheinischpfälzischen Zeitungen seinen Rechenschaftsbericht im Landtag nur mangelhaft wiedergegeben hätten 4.

Minister Dr. Süsterhenn schlägt ergänzend vor:

  1. 1. den wesentlichen Inhalt der Ausführungen des Ministers Stübinger auch jetzt noch bekanntzugeben, da diese Ausführungen noch nichts an Aktualität verloren hätten,
  2. 2. Vergleichsziffern aus den anderen Zonen der Öffentlichkeit bekanntzugeben,
  3. 3. Abschrift der Telegramme an die Militärregierung zu leiten.

    Minister Stübinger wird diese Telegramme im Landtag in einem Allgemeinbericht des Ernährungsausschusses verwenden 5.

1Durchschlag (maschinenschr. „gez. Dr. Boden“) in Best. 860 Nr. 9601, in Nr. 8186, in Best. 700,155 Nr. 62, S. 290-295, und in Best. 700,177 Nr. 654, S. 7-10.
2Zuletzt 29. MRS am 3.6.1947, TOP A. Die Telegramme konnten nicht nachgewiesen werden. Vgl. 3. MRS vom 10.12.1946, TOP D sowie die Ausführungen Stübingers in der Sitzung des Präsidialernährungsausschusses Pfalz am 10.3.1947 (LASp Best. H 13 Nr. 97, S. 54 ff.). Die Versorgung speziell der Pfalz blieb im ganzen Jahr 1947 kritisch, wie u. a. einem Vermerk für den Minister für Ernährung und Landwirtschaft vom 11.9.1947 zu entnehmen ist, der zum Versuch eines Tauschgeschäfts von Wein aus der Pfalz gegen Kartoffeln aus Gemeinden des Hunsrücks Stellung nimmt (Best. 940 Nr. 49, S. 361). Ähnlich ein Schreiben Minister Stübingers vom 11.7.1947 über „die schwierige Lage der Kartoffelversorgung, besonders in einigen Städten der Pfalz“, an die Fraktion der DP im LT (ebd. S. 369). Vorausgegangen war eine entsprechende Anfrage der DP-Fraktion, die in ihrem Schreiben vom 25.6.1947 behauptete, dass der zwischen Pirmasens und Koblenz verkehrende Eilzug von ärmeren Bevölkerungskreisen benutzt werde, um im Tausch, z. B. gegen Schuhe, im Hunsrück und sogar noch im Kreis Mayen Kartoffeln zu erwerben (ebd. S. 371).
3Zur Lebensmittelrationierung im Monat Juni vgl. Best. 940 Nr. 517, S. 61-63 und S. 267-269.
4Vgl. Anm. 4 zur 29. MRS am 3.6.1947, TOP A.
5Die Protokolle des Ernährungsausschusses sind weder im LT-Archiv noch im LHAKo vollständig überliefert, für die hier in Frage kommende Zeit nur für die Sitzungen am 10.6.1947 und 17.7.1947 (V 6025). Nach dem Bericht des Ausschussmitgliedes Otto Schmidt (SPD) im LT am 13.6.1947 (LT RLP, 1. WP, Drucks. Abt. I, S. 19-21) fanden darüber hinaus noch am 4.6., 10.6. und 12.6.1947 Sitzungen des Ernährungsausschusses statt. – Fortgang betr. LVO unten TOP 3. Fortgang betr. Ernährungslage 32. MRS am 15.7.1947, TOP V.

Alsdann wurden die einzelnen Punkte der Tagesordnung besprochen:

1 Bericht über die Münchener Tagung der Ministerpräsidenten

Der Ministerpräsident gab zunächst einen allgemeinen Überblick über die Konferenz der Ministerpräsidenten in München 6. Die Konferenz wurde von Ministerpräsident Dr. Ehard 7 am Abend des 5.6. gegen ½10 Uhr eröffnet, nachdem vorher schon zwei Vorbesprechungen stattgefunden hatten 8. Nach einer kurzen Begrüßung meldete sich sofort der Vertreter der russischen Delegation, Ministerpräsident Dr. Paul 9 von Thüringen, zu Wort und stellte den Antrag, als ersten Punkt auf die Tagesordnung zu setzen „Bildung einer deutschen Zentralverwaltung durch Verständigung der demokratischen deutschen Parteien und Gewerkschaften zur Schaffung eines deutschen Einheitsstaates”. Dieser Antrag wurde lebhaft erörtert, er führte letzten Endes dazu, daß die Vertreter der russischen Delegation die Konferenz verließen, was allseitig sehr bedauert wurde. Ministerpräsident Dr. Ehard erklärte, daß wirtschaftliche Fragen der Hauptangelpunkt der ganzen Konferenz sein sollten und daß sich die aktuellen Probleme hierzu nach drei Seiten hin zusammenfassen ließen: die Ernährungsnot, die spezielle Wirtschaftsnot und die Flüchtlingsnot. In den vergangenen ausführlichen und wiederholten Kommissionsbesprechungen hatte Ministerpräsident Dr. Ehard ein ausdrückliches und feierliches Bekenntnis zur deutschen Einheit angekündigt. Auch die übrigen Ministerpräsidenten brachten übereinstimmend zum Ausdruck, daß im Rahmen der Konferenz die Notwendigkeit der deutschen Einheit bei allen Punkten der Tagesordnung nachdrücklich betont werden müsse. Noch während dieser Aussprache zogen sich die Ministerpräsidenten der russischen Zone zu einer Sonderberatung zurück, zu der sie spä-ter den Ministerpräsidenten Dr. Ehard hinzubaten. Die Besprechung verlief aber ergebnislos.

In seiner Begrüßungsansprache erklärte Ministerpräsident Dr. Ehard zur deutschen Frage u.a. wörtlich: „Trotz der Aufspaltung Deutschlands in vier Zonen geben wir keinen Teil unseres deutschen Vaterlandes auf.”

Dementsprechend wurde auch zum Schluß der Tagung Samstagabend eine Resolution verfaßt und unter dem Beifall des ganzen Hauses angenommen. Nach der Begrüßung durch Ministerpräsident Dr. Ehard gab Senatspräsident Kaisen 10 eine Erklärung zur Kriegsgefangenennot ab.

Die deutsche Ernährungsnot wurde durch Reichsminister a.D. Dr. Dietrich 11, Leiter des bizonalen Ernährungsamtes und Ernährungsminister Lübke 12 von Nordrhein-Westfalen vorgetragen. Speziell hat dann noch Frau Oberbürgermeister Schröder 13, Berlin, sich über die Auswirkung der Unterernährung auf die Volksgesundheit ausgelassen. Insbesondere gab sie erschreckende Sterblichkeitsziffern von Berlin bekannt. So sei die Zahl der Sterbefälle aus den versicherten Kreisen in Berlin im Januar, Februar und März 1947 auf das zweibis dreifache des gleichen Zeitraumes des Vorjahres gestiegen.

6Zuletzt 29. MRS am 3.6.1947, TOP B. Außer dem Kabinett informierte der MinPräs auch den LT am 13.6.1947 (LT RLP, 1. WP, Drucks. Abt. I, S. 15-18; vgl. Best. 700,155 Nr. 47, S. 301-331). Vgl. Brommer, Landesregierung, S. 548 f.
7Dr. Hans Ehard (1887-1980), ab 1919 im bayerischen Justizdienst, im Oktober 1945 Staatssekretär im Justizministerium, 1946 Mitglied der Verfassunggebenden Landesversammlung, 1946-1966 (als Abgeordneter von Bamberg) Mitglied und 1954-1960 Präsident des bayerischen LT; 1946-1954 und 1960-1962 bayerischer MinPräs, im Mai 1947 Initiator der Münchener Ministerpräsidentenkonferenz, 1962-1966 bayerischer Justizminister, 1949-1955 Vorsitzender der CSU.
8Am 4. und 5.6.1947 (AVGBRD, Bd. 2, S. 476-484).
9Dr. Rudolf Paul (1893-1978), Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Leipzig und Berlin, 1919 Promotion, ab 1923 Staatsanwalt in Thüringen, 1925-1933 Vorstand des Landesverbandes der DDP in Thüringen, 1933 Berufsverbot, nach 1945 von der amerikanischen Militärregierung zum OBgm von Gera, nach der Besetzung Thüringens durch sowjetische Truppen zum MinPräs des Landes Thüringen ernannt, 1947 Übersiedlung in den Westen, seit 1948 Rechtsanwalt und Notar in Frankfurt/M.
10Wilhelm Kaisen (1887-1979), 1907 Eintritt in die SPD, bis 1914 Fabrikarbeiter, Bauarbeiter und Stukkateur, 1919/1920 Redakteur, seit 1921 für die SPD in der Bremer Bürgerschaft, 1927-1933 Senator für Wohlfahrtswesen, danach Landwirt, nach 1933 mehrfache Verhaftungen, 1945-1965 Bgm von Bremen
11Dr. Hermann Dietrich (1879-1954), Jurastudium in Straßburg, Basel, Göttingen und Heidelberg, 1908 Staatsrechtsrat in Karlsruhe, dann Bgm in Kehl, 1924 OBgm in Konstanz, 1911 MdL in Baden, 1918 Minister der neuen badischen Regierung, Mitbegründer und Vorstandsmitglied der DDP, Angehöriger der Weimarer Nationalversammlung und des Deutschen Reichstages bis 1933 (ab 1930 Mitglied der Deutschen Staatspartei), im Kabinett Hermann Müller Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, im Kabinett Brüning Reichswirtschaftsminister, 1930 Reichsfinanzminister und Vizekanzler, 1933 Rechtsanwalt, 1945 Mitbegründer der FDP, 1946-1947 Sonderbeauftragter für Ernährung und Landwirtschaft des Stuttgarter Länderrates, 1946-1947 Direktor des Verwaltungsamtes für Ernährung und Landwirtschaft in der Bizone.
12Karl Heinrich Lübke (1894-1972), 1914-1921 Studium der Geodäsie, Landwirtschaft und Kulturbautechnik an der landwirtschaftlichen Hochschule Bonn und der Universität Berlin, unterbrochen durch Militärdienst, 1921 Examen als Vermessungs- und Kulturingenieur, 1921-1933 Tätigkeit im landwirtschaftlichen Organisationswesen und in der Siedlungsbewegung, 1932-1933 Abgeordneter der Zentrumspartei im preußischen Landtag, 1934-1935 Untersuchungshaft, ab 1937 Geschäftsführer einer Wohnungsbauund Siedlungsgesellschaft in Berlin, 1945 Eintritt in die CDU, 1946 Berufung in den Beratenden Westfälischen Provinzialrat, 1946-1954 Mitglied im nordrhein-westfälischen LT, 1947 nordrhein-westfälischer Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, 1949-1950 Abgeordneter des Ersten Deutschen Bundestages, ab 1953 Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, 1959-1969 Bundespräsident.
13Louise Schröder (1887-1957), seit 1910 SPD, 1919 Mitglied der Nationalversammlung und des Deutschen Reichstages, 1920 Mitbegründerin der Arbeiterwohlfahrt, ab 1933 unter Polizeiaufsicht, als Sozialreferentin in Bauunternehmen tätig, 1945 zweite Landesvorsitzende der SPD in Berlin, 1946 zweite Bürgermeisterin von Berlin, 1948 amtierende Oberbürgermeisterin und Präsidentin des Städtetages, nach Übergabe ihres Amtes an Ernst Reuter Stadtverordnete und Vertreterin Berlins im Deutschen Bundestag.

Zusammenfassend konnte festgestellt werden, daß die Ernährungslage in allen vier Zonen das Hauptproblem darstellt.

In besonders gebildeten Ausschüssen wurden die Referate nochmals durchgegangen und zwei Erklärungen verfaßt, wovon die eine einen Aufruf an das deutsche Volk darstellt. In der zweiten an den Kontrollrat gerichteten Erklärung wird dieser gebeten, eine Kommission der Länderchefs zu empfangen, um die auf der Münchener Konferenz gefaßten Entschließungen mit einer mündlichen Stellungnahme übergeben zu dürfen. Für die französische Zone wurde Ministerprä-sident Dr. Boden als Vertreter berufen.

Zur deutschen Wirtschaftsnot sprach Senator Borgner 14, Hamburg. Über die Finanzfragen sprach Minister Dr. Hilpert 15, Hessen, und die Notlage des deutschen Waldes wurde von Staatsminister Dr. Baumgartner 16, Bayern, dargelegt. Die Erörterungen im Finanzausschuß haben zu mehreren Entschlie-ßungen geführt. Eine weitere Entschließung wurde auf dem Gebiete der Finanzpolitik über dringende Maßnahmen zur Neugestaltung der Steuergesetzgebung angenommen.

Über die deutsche Flüchtlingsnot sprach Staatssekretär Jaenicke 17. Anschließend hielt Staatsrat Dr. Schmid 18 ein Referat über die Schaffung eines Besatzungsrechts.

In der Besprechung der Ministerpräsidenten war es die einmütige Auffassung aller Beteiligten, von der Einrichtung eines ständigen Büros abzusehen, um dieser Tagung die Prägung des Einmaligen zu geben. Im Interesse einer rein sachlichen Zusammenarbeit sämtlicher Länder wurde es für notwendig erachtet, von Zeit zu Zeit ähnliche Veranstaltungen zu arrangieren, die jeweilig von Ministerpräsident Dr. Ehard einberufen werden sollen. Von den Ministerpräsidenten soll dann gemeinschaftlich der Ort der Tagung bestimmt werden, an dem der zuständige Ministerpräsident die Vorbereitung und die Leitung der Tagung übernehmen soll.

Minister Steffan bittet im Anschluß an die Ausführungen des Ministerpräsidenten um eine Abschrift der Entschließungen, da sie wohl für jeden Minister von großem Interesse seien 19.

Ein Gerücht, wonach Ministerpräsident Dr. Boden sich auf der Münchener Tagung dem Zusammenschluß widersetzt habe, weist er mit Entschiedenheit zurück.

14Otto August Borgner (1892-1953), Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Frankfurt/M., Geschäftsführer konsumgenossenschaftlicher Unternehmen und Industriebetriebe, 1931-1933 Bürgerschaft (SPD), 1944 verhaftet und dann unter Polizeiaufsicht gestellt, 1945-1948 Senator (insbes. Wirtschaft und Verkehr) in Hamburg, 1946-1953 Mitglied der Bürgerschaft (SPD).
15Dr. Werner Hilpert (1897-1957), Studium in Leipzig, Syndikus in verschiedenen Wirtschaftsunternehmen, 1918 Mitglied der Deutschen Zentrumspartei, 1932 Landesvorsitzender der sächsischen Zentrumspartei, 1933 aus allen Ämtern entlassen, 1939-1945 KZ Buchenwald, 1945-1951 stellv. MinPräs Hessens, 1946-1947 hessischer Wirtschaftsminister, 1947-1950 hessischer Finanzminister, 1949 MdB, 1952 bis zu seinem Tode Bundesbahnpräsident.
16Dr. Joseph Baumgartner (1904-1964), Studium der Staatswirtschaften mit Promotion in München, 1929-1933 stellv. Generalsekretär des Bayerischen Bauernvereins, Mitglied der Bayerischen Volkspartei, 1933 Versicherungsvertreter bei der Allianz, 1942 kurzzeitige Haft, anschließend Militärdienst, Januar 1945 Personalreferent im Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft in München, 1945-1947 bayerischer Landwirtschaftsminister, 1954-1957 stellv. MinPräs, 1946-1946 MdL (zuerst CSU, ab 1948 Bayernpartei), 1949-1951 MdB, 1952 und 1953-1959 Vorsitzender der Bayernpartei.
17Wolfgang Jaenicke, 1945-1950 Staatskommissar und Staatssekretär für das Flüchtlingswesen in Bayern.
18Dr. Carlo Schmid (1896-1979), 1914-1918 Kriegsfreiwilliger, 1918 Mitglied des Soldatenrates, 1919-1921 Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Tübingen, Gründung des dortigen Sozialistischen Studentenbundes, 1923 Promotion an der Universität Frankfurt, 1924 Rechtsanwalt in Reutlingen, 1925 Eintritt in den Staatsdienst, 1927-1931 Amtsrichter, anschließend LG-Rat in Tübingen, 1929 Habilitation in Völkerrecht, 1930-1940 Privatdozent für Völkerrecht an der Universität Tübingen, 1933-1940 Berufungsverbot, 1940-1944 Militärdienst, 1945 Präsident des Staatssekretariats für die französisch besetzte Zone in Tübingen, 1945-1950 Regierung Württemberg-Hohenzollern (1947-1950 stellv. Staatspräsident und Justizminister), 1946-1950 Landesvorsitzender der SPD in Südwürttemberg, 1946-1953 Professor für öffentliches Recht in Tübingen, 1953-1966 Professor für politische Wissenschaften in Frankfurt/M., 1946-1947 BLV Württemberg-Hohenzollern, 1947-1952 MdL Württemberg-Hohenzollern, 1948/1949 MdPR (SPD-Fraktionsvorsitzender und Vorsitzender des Hauptausschusses), 1949-1972 MdB (1969-1972 Vizepräsident des Deutschen Bundestages).
19Best. 700,155 Nr. 46.

B. Flüchtlingsproblem

Minister Röhle greift zurück auf die Aussprache über das Flüchtlingsproblem 20. Es wäre auf die Dauer ein untragbarer Zustand, daß in den Lagern der französischen Zone den jungen, gesunden Menschen keine Arbeitsmöglichkeiten gegeben würde, während wir auf diese Kräfte unbedingt angewiesen wären. Er bittet Herrn Minister Junglas dringend um Abhilfe 21.

2 Bericht über die Rückgliederung der Gemeinden aus dem Kreise Saarburg etc. 22

Aufgrund der Ordonnanz Nr. 93 des Generals Koenig 23 sollen von den an das Saargebiet im Sommer 1946 abgetrennten Gebieten 60 Gemeinden der Kreise Saarburg und Trier-Land an Rheinland-Pfalz zurückgegeben werden, gleichzeitig aber vom Kreise Kusel sechs und vom Kreise Birkenfeld sieben Gemeinden nunmehr abgetrennt und zum Saargebiet geschlagen werden 24. Minister Steffan berichtet eingehend über seine Anwesenheit in St. Wendel, bei der außer ihm der Landrat von Birkenfeld 25, der stellvertretende Landrat von Kusel 26 und drei Vertreter der Saarregierung zugegen waren. Minister Steffan hat erklärt, er müsse dem Ministerrat Kenntnis geben. Er würde dann, da es sich nur um technische Dinge der Rückgliederung handele, die Entscheidung des Ministerrats bekannt geben, um evtl. in Saarburg die Formalitäten der Rückgliederung vorzunehmen. Er bat den Ministerrat in seiner Gesamtheit hierbei mitzuwirken, um der Bevölkerung zu beweisen, daß der gesamte Ministerrat die Rückgliederung auf das herzlichste begrüßte. Der Ministerrat beschloß demgemäß. Für die Landtagssitzung soll eine Vorlage für eine Nachwahl in den hinzukommenden Gemeinden ausgearbeitet werden, die möglichst schon in der nächsten Sitzung des Landtags behandelt und verabschiedet werden soll 27.

20Vgl. Stein, Vertriebene; Neubach, Aufnahme; Rüfner/Schwartz/Goschler, Ausgleich. Die einschlägige Überlieferung befindet sich im Best. 930, insbes. Nr. 4232.
21Fortgang 32. MRS am 15.7.1947, TOP M.
22Best. 860 Nr. 1295, Nr. 4028, Nr. 2068 und Nr. 2063. Vgl. Brommer, Landesregierung, S. 510 f.; Christoffel, Vor fünzig Jahren; Müller, Vor 50 Jahren.
23Ordonnanz Nr. 93 vom 6.6.1947 (Journal Officiel 1947, S. 765 f.).
24Es handelte sich dabei um die Orte Asweiler-Eitzweiler, Bubach, Freisen, Haupersweiler, Hoof, Marth, Niederkirchen-Ostertal, Nohfelden, Oberkirchen, Osterbrücken, Saal, Schwarzerden und Wolfersweiler (ebd., S. 766).
25Jakob Heep (1893-1956), Kaufmännische Ausbildung, 1914-1918 Militärdienst (1915-1918 Lazarettverwaltung Koblenz-Ehrenbreitstein), ab 1920 Beschäftigung im Versorgungsamt Koblenz,1927-1931 Studium an der Verwaltungsakademie Koblenz, Mitglied der SPD bis zu deren Auflösung 1933, 1935 von der Gestapo verhaftet und Verurteilung nach dem „Heimtückegesetz“ zu acht Monaten Gefängnis, 1936 Entlassung aus dem Dienst, seit 1936 Landwirt im Hunsrück (Dommershausen), 1938 erneute Verhaftung nach dem „Heimtückegesetz“ und Verurteilung zu einem Jahr Gefängnis, 1944 als Kriegsgefangenenkontrolloffizier eingezogen, 1945 ABgm von Kirchberg, 1947 LR des Kreises Birkenfeld (Best. 860P Nr. 10709; Best. 860Z Nr. 417; Best. 880, Nr. 1326).
26Dr. Theodor Henrich (*1892), Dipl.-Kaufmann, seit 1.4.1946 stellv. LR in Kusel, 1946-1948 kommissarischer LR (LASp Best. H 14 Nr. 2137).
27Vgl. hierzu die Ausführungen von LT-Präsident Diel in der LT-Sitzung am 13.6.1947 (LT RLP, 1. WP, Drucks. Abt. I, S. 14). Die Vorlage wurde als EVO zur LVO über die Wahl zum ersten LT von Rheinland-Pfalz in der 31. MRS am 12.6.1947 behandelt. – Fortgang betr. Kreis Saarburg 36. MRS am 5.8.1947, TOP C.

3 Beschlußfassung über die endgültige Wortfassung der Landesverordnung zum Schutz der Volksernährung 28

Der Ministerrat ist mit der redaktionell überarbeiteten Fassung der Landesverordnung zum Schutze der Volksernährung einverstanden und beschließt, die Landesverordnung zu veröffentlichen 29.

4 Übernahme von Ausfallbürgschaften durch das Land Rheinland-Pfalz bei Holzlieferungen

Eine Vorlage von Minister Dr. Haberer betr. die Übernahme von Ausfallbürgschaften durch das Land Rheinland-Pfalz 30 zur Zwischenfinanzierung von Holzlieferungen an die französische Militärregierung und an französische Firmen wurde als Beschluß des Ministerrats vom 11.6.47 verabschiedet 31.

5 Personalie

Minister Röhle berichtet über eine sehr unangenehme Auseinandersetzung mit der Militärregierung, wonach ihm der Vorwurf gemacht worden sei, daß er bewußt Herrn Heinemann aus Neustadt nicht eingestellt habe 32. Wie Ministerialdirektor Dr. Rick ausdrücklich bestä-tigt, ist bisher eine schriftliche Genehmigung zur Einstellung des Herrn Heinemann seitens der Militärregierung noch nicht eingegangen 33.

28Zuletzt betr. Ernährungslage oben TOP A. Zuletzt betr. LVO 19. MRS am 12.3.1947, TOP 3 .
29Fortgang betr. Ernährungslage 32. MRS am 15.7.1947, TOP V. Fortgang betr. Gesetz zum Schutz der Volksernährung 40. MRS am 3.9.1947, TOP 3.
30Zuletzt 15. MRS am 12.2.1947, TOP C. Vorlage in Best. 910 Nr. 6035.
31Vgl. 34. MRS am 29.7.1947, TOP A. und TOP J.
32Hermann Heinemann (*1895), 1946 Leiter des Ortskrankenkassenverbandes Hessen-Pfalz, dann Angestellter, Referent und Abteilungsleiter im Sozialministerium, 1947-1957 MinR; SPD, Gewerkschaftler (Best. 860P Nr. 598; Hudemann, Sozialpolitik, S. 238, S. 294 und S. 487 f.); zu Beförderung und weiteren Angaben zur Person vgl. 54. MRS am 25.11.1947, TOP G.
33Der angedeutete Sachverhalt konnte nicht nachgewiesen werden (vgl. Best. 930 Nr. 5648, Nr. 5760 und Nr. 4594). Arbeitsminister Röhle hatte die Versetzung von Heinemann in sein Ministerium bereits am 17.3.1947 beim MinPräs beantragt, dieser hatte am 16.4.1947 den GenGouv um die entsprechende Erlaubnis gebeten und wegen Ausbleiben einer Entscheidung am 1.7.1947 daran erinnert. Doch laut Schreiben des Arbeitsministers vom 9.8.1947 an MinPräs Altmeier sei „die Genehmigung zur Einstellung von der Militärregierung bereits vor Monaten erteilt“ worden (Best. 860P Nr. 598). Mit Zustimmung des MinPräs wurde Heinemann zum 18.8.1947 in das Ministerium für Arbeit berufen (ebd.), nachdem seine Ernennung gemäß Ministerratsbeschluss vom 15.7.1947 wie alle vom sog. Rumpfkabinett unter MinPräs Boden vorgenommenen Beamtenernennungen überprüft worden war.

6 Ferngespräche der Minister

Minister Steffan bittet den Ministerpräsidenten, die Oberpostdirektion zu veranlassen, die Ferngespräche der Herren Minister als Ministergespräche zuzulassen. Der Ministerpräsident gab Anweisung, die Aufsicht des Fernamts mündlich von den Beschwerden der Herren Minister in Kenntnis zu setzen, ferner einen Antrag an die OPD auf Zulassung von Ministergesprächen auszuarbeiten.