© LAV30. Ministerratssitzung am Mittwoch, den 11.6.19471
- Ministerpräsident Dr. Boden
- Minister Feller
- Minister Dr. Haberer
- Minister Junglas
- Minister Dr. Lotz
- Minister Röhle
- Minister Steffan
- Minister Stübinger
- Minister Dr. Süsterhenn
- A. Ernährungslage
- 1 Bericht über die Münchener Tagung der Ministerpräsidenten
- B. Flüchtlingsproblem
- 2 Bericht über die Rückgliederung der Gemeinden aus dem Kreise Saarburg etc.
- 3 Beschlußfassung über die endgültige Wortfassung der Landesverordnung zum Schutz der Volksernährung
- 4 Übernahme von Ausfallbürgschaften durch das Land Rheinland-Pfalz bei Holzlieferungen
- 5 Personalie
- 6 Ferngespräche der Minister
A. Ernährungslage
Ministerpräsident Dr. Boden eröffnete die Sitzung, indem er drei Telegramme aus dem Ludwigshafener Gebiet verlas, die sämtlich die außerordentlich schwierige Ernährungslage zum Inhalt hatten 2. Minister Stübinger erklärte, daß alles zur Sicherstellung der Ernährung getan würde. Es dürfe aber nicht übersehen werden, daß wir im Vergleich mit der englischen und amerikanischen Zone hier noch die besseren Rationssätze hätten 3. Er sei aber erstaunt darüber, daß die rheinischpfälzischen Zeitungen seinen Rechenschaftsbericht im Landtag nur mangelhaft wiedergegeben hätten 4.
Minister Dr. Süsterhenn schlägt ergänzend vor:
- 1. den wesentlichen Inhalt der Ausführungen des Ministers Stübinger auch jetzt noch bekanntzugeben, da diese Ausführungen noch nichts an Aktualität verloren hätten,
- 2. Vergleichsziffern aus den anderen Zonen der Öffentlichkeit bekanntzugeben,
-
3. Abschrift der Telegramme an die Militärregierung zu leiten.
Minister Stübinger wird diese Telegramme im Landtag in einem Allgemeinbericht des Ernährungsausschusses verwenden 5.
Alsdann wurden die einzelnen Punkte der Tagesordnung besprochen:
1 Bericht über die Münchener Tagung der Ministerpräsidenten
Der Ministerpräsident gab zunächst einen allgemeinen Überblick über die Konferenz der Ministerpräsidenten in München 6. Die Konferenz wurde von Ministerpräsident Dr. Ehard 7 am Abend des 5.6. gegen ½10 Uhr eröffnet, nachdem vorher schon zwei Vorbesprechungen stattgefunden hatten 8. Nach einer kurzen Begrüßung meldete sich sofort der Vertreter der russischen Delegation, Ministerpräsident Dr. Paul 9 von Thüringen, zu Wort und stellte den Antrag, als ersten Punkt auf die Tagesordnung zu setzen „Bildung einer deutschen Zentralverwaltung durch Verständigung der demokratischen deutschen Parteien und Gewerkschaften zur Schaffung eines deutschen Einheitsstaates”. Dieser Antrag wurde lebhaft erörtert, er führte letzten Endes dazu, daß die Vertreter der russischen Delegation die Konferenz verließen, was allseitig sehr bedauert wurde. Ministerpräsident Dr. Ehard erklärte, daß wirtschaftliche Fragen der Hauptangelpunkt der ganzen Konferenz sein sollten und daß sich die aktuellen Probleme hierzu nach drei Seiten hin zusammenfassen ließen: die Ernährungsnot, die spezielle Wirtschaftsnot und die Flüchtlingsnot. In den vergangenen ausführlichen und wiederholten Kommissionsbesprechungen hatte Ministerpräsident Dr. Ehard ein ausdrückliches und feierliches Bekenntnis zur deutschen Einheit angekündigt. Auch die übrigen Ministerpräsidenten brachten übereinstimmend zum Ausdruck, daß im Rahmen der Konferenz die Notwendigkeit der deutschen Einheit bei allen Punkten der Tagesordnung nachdrücklich betont werden müsse. Noch während dieser Aussprache zogen sich die Ministerpräsidenten der russischen Zone zu einer Sonderberatung zurück, zu der sie spä-ter den Ministerpräsidenten Dr. Ehard hinzubaten. Die Besprechung verlief aber ergebnislos.
In seiner Begrüßungsansprache erklärte Ministerpräsident Dr. Ehard zur deutschen Frage u.a. wörtlich: „Trotz der Aufspaltung Deutschlands in vier Zonen geben wir keinen Teil unseres deutschen Vaterlandes auf.”
Dementsprechend wurde auch zum Schluß der Tagung Samstagabend eine Resolution verfaßt und unter dem Beifall des ganzen Hauses angenommen. Nach der Begrüßung durch Ministerpräsident Dr. Ehard gab Senatspräsident Kaisen 10 eine Erklärung zur Kriegsgefangenennot ab.
Die deutsche Ernährungsnot wurde durch Reichsminister a.D. Dr. Dietrich 11, Leiter des bizonalen Ernährungsamtes und Ernährungsminister Lübke 12 von Nordrhein-Westfalen vorgetragen. Speziell hat dann noch Frau Oberbürgermeister Schröder 13, Berlin, sich über die Auswirkung der Unterernährung auf die Volksgesundheit ausgelassen. Insbesondere gab sie erschreckende Sterblichkeitsziffern von Berlin bekannt. So sei die Zahl der Sterbefälle aus den versicherten Kreisen in Berlin im Januar, Februar und März 1947 auf das zweibis dreifache des gleichen Zeitraumes des Vorjahres gestiegen.
Zusammenfassend konnte festgestellt werden, daß die Ernährungslage in allen vier Zonen das Hauptproblem darstellt.
In besonders gebildeten Ausschüssen wurden die Referate nochmals durchgegangen und zwei Erklärungen verfaßt, wovon die eine einen Aufruf an das deutsche Volk darstellt. In der zweiten an den Kontrollrat gerichteten Erklärung wird dieser gebeten, eine Kommission der Länderchefs zu empfangen, um die auf der Münchener Konferenz gefaßten Entschließungen mit einer mündlichen Stellungnahme übergeben zu dürfen. Für die französische Zone wurde Ministerprä-sident Dr. Boden als Vertreter berufen.
Zur deutschen Wirtschaftsnot sprach Senator Borgner 14, Hamburg. Über die Finanzfragen sprach Minister Dr. Hilpert 15, Hessen, und die Notlage des deutschen Waldes wurde von Staatsminister Dr. Baumgartner 16, Bayern, dargelegt. Die Erörterungen im Finanzausschuß haben zu mehreren Entschlie-ßungen geführt. Eine weitere Entschließung wurde auf dem Gebiete der Finanzpolitik über dringende Maßnahmen zur Neugestaltung der Steuergesetzgebung angenommen.
Über die deutsche Flüchtlingsnot sprach Staatssekretär Jaenicke 17. Anschließend hielt Staatsrat Dr. Schmid 18 ein Referat über die Schaffung eines Besatzungsrechts.
In der Besprechung der Ministerpräsidenten war es die einmütige Auffassung aller Beteiligten, von der Einrichtung eines ständigen Büros abzusehen, um dieser Tagung die Prägung des Einmaligen zu geben. Im Interesse einer rein sachlichen Zusammenarbeit sämtlicher Länder wurde es für notwendig erachtet, von Zeit zu Zeit ähnliche Veranstaltungen zu arrangieren, die jeweilig von Ministerpräsident Dr. Ehard einberufen werden sollen. Von den Ministerpräsidenten soll dann gemeinschaftlich der Ort der Tagung bestimmt werden, an dem der zuständige Ministerpräsident die Vorbereitung und die Leitung der Tagung übernehmen soll.
Minister Steffan bittet im Anschluß an die Ausführungen des Ministerpräsidenten um eine Abschrift der Entschließungen, da sie wohl für jeden Minister von großem Interesse seien 19.
Ein Gerücht, wonach Ministerpräsident Dr. Boden sich auf der Münchener Tagung dem Zusammenschluß widersetzt habe, weist er mit Entschiedenheit zurück.
B. Flüchtlingsproblem
Minister Röhle greift zurück auf die Aussprache über das Flüchtlingsproblem 20. Es wäre auf die Dauer ein untragbarer Zustand, daß in den Lagern der französischen Zone den jungen, gesunden Menschen keine Arbeitsmöglichkeiten gegeben würde, während wir auf diese Kräfte unbedingt angewiesen wären. Er bittet Herrn Minister Junglas dringend um Abhilfe 21.
2 Bericht über die Rückgliederung der Gemeinden aus dem Kreise Saarburg etc. 22
Aufgrund der Ordonnanz Nr. 93 des Generals Koenig 23 sollen von den an das Saargebiet im Sommer 1946 abgetrennten Gebieten 60 Gemeinden der Kreise Saarburg und Trier-Land an Rheinland-Pfalz zurückgegeben werden, gleichzeitig aber vom Kreise Kusel sechs und vom Kreise Birkenfeld sieben Gemeinden nunmehr abgetrennt und zum Saargebiet geschlagen werden 24. Minister Steffan berichtet eingehend über seine Anwesenheit in St. Wendel, bei der außer ihm der Landrat von Birkenfeld 25, der stellvertretende Landrat von Kusel 26 und drei Vertreter der Saarregierung zugegen waren. Minister Steffan hat erklärt, er müsse dem Ministerrat Kenntnis geben. Er würde dann, da es sich nur um technische Dinge der Rückgliederung handele, die Entscheidung des Ministerrats bekannt geben, um evtl. in Saarburg die Formalitäten der Rückgliederung vorzunehmen. Er bat den Ministerrat in seiner Gesamtheit hierbei mitzuwirken, um der Bevölkerung zu beweisen, daß der gesamte Ministerrat die Rückgliederung auf das herzlichste begrüßte. Der Ministerrat beschloß demgemäß. Für die Landtagssitzung soll eine Vorlage für eine Nachwahl in den hinzukommenden Gemeinden ausgearbeitet werden, die möglichst schon in der nächsten Sitzung des Landtags behandelt und verabschiedet werden soll 27.
3 Beschlußfassung über die endgültige Wortfassung der Landesverordnung zum Schutz der Volksernährung 28
Der Ministerrat ist mit der redaktionell überarbeiteten Fassung der Landesverordnung zum Schutze der Volksernährung einverstanden und beschließt, die Landesverordnung zu veröffentlichen 29.
4 Übernahme von Ausfallbürgschaften durch das Land Rheinland-Pfalz bei Holzlieferungen
Eine Vorlage von Minister Dr. Haberer betr. die Übernahme von Ausfallbürgschaften durch das Land Rheinland-Pfalz 30 zur Zwischenfinanzierung von Holzlieferungen an die französische Militärregierung und an französische Firmen wurde als Beschluß des Ministerrats vom 11.6.47 verabschiedet 31.
5 Personalie
Minister Röhle berichtet über eine sehr unangenehme Auseinandersetzung mit der Militärregierung, wonach ihm der Vorwurf gemacht worden sei, daß er bewußt Herrn Heinemann aus Neustadt nicht eingestellt habe 32. Wie Ministerialdirektor Dr. Rick ausdrücklich bestä-tigt, ist bisher eine schriftliche Genehmigung zur Einstellung des Herrn Heinemann seitens der Militärregierung noch nicht eingegangen 33.
6 Ferngespräche der Minister
Minister Steffan bittet den Ministerpräsidenten, die Oberpostdirektion zu veranlassen, die Ferngespräche der Herren Minister als Ministergespräche zuzulassen. Der Ministerpräsident gab Anweisung, die Aufsicht des Fernamts mündlich von den Beschwerden der Herren Minister in Kenntnis zu setzen, ferner einen Antrag an die OPD auf Zulassung von Ministergesprächen auszuarbeiten.